Semantische Wikis und ihr Einsatz im Unternehmen. Ein Interview.

Sie lesen einen Text und verstehen sofort, dass „Franz“ ein Vorname ist. Ein Computer hat bei derselben Aufgabe Schwierigkeiten: Er kann „Franz“ nicht mit der Bedeutung „das ist ein Vorname“ zusammenbringen. Sie müssen dem Begriff „Franz“ schon noch die Information mitgeben, dass es sich hier um einen Vornamen handelt. Stellen Sie sich vor, alle Dokumente im Web hätten diese Zusatzinformationen: Sie könnten die gewünschten Inhalte viel besser finden und vor allem viel besser auswerten.

Das ist sehr vereinfacht gesagt, die Grundidee des „semantischen Webs„. Es gibt zahlreiche Projekte, die das World Wide Web in ein semantisches Web weiterentwickeln wollen. Um die Wikipedia-Software MediaWiki hat sich dazu eine besonders aktive Entwicklercommunity gebildet. Eines der Projekte, das freie SemanticMediaWiki, gehört zu den Vorreitern der Entwicklung. Aus diesem Umfeld entstehen  auch zahlreiche Anwendungen für Unternehmen. Wir sprachen mit unserem Partner Alexander Gesinn von gesinn.it über praktische Einsatzmöglichkeiten und Erfahrungen.

Wikiartikel mit semantischen Annotationen - in der rechten Informationsbox.
Wikiartikel mit semantischen Annotationen – in der rechten Informationsbox.

Warum sollte ich ein semantisches Wiki nutzen?

Grundsätzlich geht es um die Entlastung der sogenannten Informationsarbeiter, also den Menschen, die den Hauptteil Ihrer Arbeitszeit den Computer nutzen. Wer kämpft nicht mit Unmengen an E-Mails, der Suche in Archiven und Ordnerstrukturen oder ärgert sich über notwendige Umformatierung vorhandener Informationen? Während traditionelle Wikis nur Texte enthalten, die Computer weder verstehen noch auswerten können, fügen semantische Wikis über eine formularbasierte Eingabe automatisch semantische Annotationen hinzu. Diese semantischen Annotationen machen es dem Computer möglich, uns bei der Beantwortung unserer Fragen zu unterstützen und Fakten zu verarbeiten. Das bedeutet bessere Suchergebnisse, automatisch aktualisierte Tabellen, Grafiken, Texte, und Vernetzung von Informationen. Ein semantisches Wiki speichert zusätzlich zu den Textinformationen strukturierte Daten ab – ähnlich einer Datenbank.

Wie kriege ich ein semantisches Wiki?

Das Prinzip ist sehr einfach: Man installiert ein MediaWiki und ergänzt dieses Basissystem um die Erweiterung SemanticMediaWiki. Damit aber das Wiki wirklich „semantisch“ arbeiten kann, müssen einige Elemente angelegt werden, unter anderem Formulare und Vorlagen sowie die semantischen Attribute. Das sollte im Vorfeld gut geplant werden. Für Unternehmen gibt es Dienstleister wie uns, die für verschiedene Anwendungsfälle fertige Pakete anbieten. Ein semantisches MediaWiki für den Unternehmenseinsatz besteht aber typischerweise noch aus deutlich mehr Bausteinen als nur der SemanticMediaWiki-Erweiterung. Auch hierfür gibt es fertige Pakete, die Zeit und Geld sparen.

Pakete wofür?

Zum Beispiel für Geschäftsprozesse. Kontaktmanagement, Prozessmanagement…

Prozessdarstellung in einem semantischen MediaWiki
Prozessdarstellung in einem semantischen MediaWiki

Nehmen wir mal das Beispiel Prozessmanagement. Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Die Prozesse werden im Wiki hinterlegt. Ich nutze die Wikiseiten und die dort hinterlegten semantischen Informationen, um zum Beispiel automatisch Ablaufdiagramme generieren zu können. Ändern sich Informationen eines Prozesses, ändert sich auch das Ablaufdiagramm.

Mal von vorne: Wie baust du diese Ablaufdiagramme zusammen?

Wenn man einen neuen Prozess anlegen will, hilft einem ein Formular bei der Eingabe von Standarddaten, beispielsweise Prozessverantwortlichkeiten oder verwendete Ressourcen. Für je einen Prozess wird eine eigene Seite im Wiki angelegt. Der Vorteil ist, dass dem Prozess nun alle normalen Wiki-Funktionen zur Verfügung stehen, d.h. es gibt eine Diskussionsseite über den Prozess, eine Versionshistorie oder zum Beispiel auch die „Beobachten“-Funktion.

Der nächste Schritt wäre dann über die Wikiseite einzelne Prozessschritte hinzuzufügen. Auch hierfür gibt es wieder ein Formular. Die Prozess-Schritte enthalten Informationen zu ihren Nachfolgern, also nach Schritt A folgt Schritt B und so weiter.

Aus den Prozess-Schritten und der Information zu den Nachfolgern wird dann automatisch ein Ablaufdiagramm gezeichnet. Den Aktivitäten können dann wiederum Rollen und Ressourcen hinzugefügt werden. Diese erscheinen als Links im Ablaufdiagram und in der Infobox im Wikiartikel. Dazu gibt es übrigens ein Video, dann kann man sich das Ganze besser bildlich vorstellen:

Das hört sich aber doch alles recht komplex an. Wo muss man denn mit Aufwänden rechnen?

Die Prozesse eines Unternehmens abzubilden ist fast immer eine spannende Sache. Der Vorteil des wikibasierten Ansatzen ist die Einbindung aller Mitarbeiter statt nur weniger Prozess-Spezialisten. Und die einmal gewonnen Informationen sind dank der Semantik an vielen Stellen – zum Beispiel im Qualitätsmanagementhandbuch – greifbar und immer aktuell. Gerade diesen Aspekt halte ich für sehr wichtig wenn das Qualitätsmanagement nicht nur auf dem Papier sondern auch in der Praxis funktionieren soll.

Möchte man komplett bei 0 anfangen, benötigt man einen Server, Betriebssystem, Webserver, Datenbank die MediaWiki Software und eine ganze Reihe verschiedener Pakete jeweils in den passenden Versionen. Damit hat man aber erst ein leeres Wiki.

Dann muss man die sogenannte Ontologie definieren und „zum Leben erwecken“. Das heißt, es muss ein Wissensnetz geschaffen werden, mit dem man später arbeiten kann. Hierzu bedarf es im Wiki aufeinander abgestimmte Kategorien, Attribute, Vorlagen und Formulare. Die kann man zwar in gewohnter Wiki-Manier einfach anlegen, der Aufwand steckt hier im „Engineering“ will man nicht innerhalb kürzester Zeit den Daten-GAU.

Wikidata ist derzeit das wichtigste Projekt der Wikimedia Foundation. Das Ziel ist, die Seiten von Wikipedia und anderen Projekten der Foundation mit Metadaten anzureichern. Diese Funktionalität ist der SemanticMediaWiki-Erweiterung sehr ähnlich und ist dann in der Standardsoftware verfügbar. Wie siehst du das? Läuft Wikidata Semantic den Rang ab?

Ganz im Gegenteil: Wikidata und semantic::apps ergänzen sich perfekt! In Wikidata wird man diese Informationen so eingeben können, dass sie von einem Computer verarbeitet werden können. Das bedeutet, die Maschine kann sie in verschiedenen Sprachen anbieten, zur Erstellung von Übersichten, Listen und Diagrammen verwenden oder um Fragen zu beantworten, die heute kaum automatisiert beantwortet werden können. Also exakt dieselbe Story wie hinter den semantic::apps, nur außerhalb des Unternehmens. Da der technische Unterbau beider Systeme die gleichen Wurzeln hat, werden wir innerhalb kürzester Zeit Adapter von semantic::apps zu Wikidata sehen um beispielsweise die Liste der Länder, aktuelle Versionen von Software, Unternehmensdaten, usw. zu verwenden.

Wie sieht die weitere Entwicklung aus?

Der erste Auftritt von semantic::apps während der CeBIT 2012 war ein großer Erfolg und es gibt bereits eine Menge ‚apps‘ die in der Innovationsküche angerichtet sind. Es bleibt also spannend.

Ich nutze Semantic MediaWiki seit ca. 2008 und habe seither viele der Entwickler kennengelernt und das Projekt verfolgt. Ich kann absolut bestätigen, dass Semantic MediaWiki laut ohloh zu den sehr aktiven und stabilen Open Source Entwicklungen zählt.

 

Links:

 

Erfahrungsberichte mit MediaWiki:

 


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