Über BlueSpice, MediaWiki und die Perspektiven des freien Wissens

BlueSpice for MediaWiki ist ein kommerzielles Projekt. Der Plan, eine Enterprise Distribution für MediaWiki zu entwickeln wird ganz wesentlich von dem Gedanken getrieben, Gewinne zu erzielen und Jobs zu schaffen.

Dennoch ist es an der Zeit, ein paar Worte über andere Aspekte des BlueSpice-Projekts sprechen. Denn BlueSpice ist auch ein Projekt, das die Entwicklung von MediaWiki und den Aufbau freier Wissensplattformen im Web anschieben soll.

Ich greife einmal drei Aspekte heraus.

1. Wikis sind die künftigen Wissensspeicher der Gesellschaft und BlueSpice soll einen Beitrag dazu leisten

Eine offene Gesellschaft braucht Orte, an denen sie ihr Wissen sammelt, ordnet und kartographiert. Das Gedächtnis einer Gesellschaft wird man künftig im Web finden. Wie wichtig dieses Gedächtnis ist, zeigen die politischen Wikis. Lobbypedia und ihr englisches Vorbild powerbase von spinwatch sind da zwei gute Beispiele. Dort sammeln NGOs Informationen über Lobbyisten, Politiker und Organisationen, um Netzwerke und Strategien transparent zu machen und für Recherchen zur Verfügung zu stellen. Auch Think Tank Network Research ist ein dazu vergleichbares Forschungsprojekt. Die Liste könnte ich beliebig verlängern.

Neben der Politik benötigen wir auch für andere Lebensbereiche wie Freizeit, Kultur, Sport, Wirtschaft oder Gesundheit zentrale Plattformen im Netz, auf denen wir künftig themenzentriert freies Wissen sammeln können. Die Regional- und Stadtwikis haben hier bereits eine Vorreiterrolle übernommen.

Und es wird Wikis geben, die Inhalte aus anderen Websites retten, damit dieses weiterbearbeitet werden kann.

Für alle diese Aufgaben ist kein anderes System besser geeignet als die MediaWiki-Software. Und MediaWiki hat hier eine Sonderrolle, weil die Software unter einer freien Lizenz frei verfügbar ist und als fester Bestandteil der Wikimedia-Projekte – Wikipedia, Wikimedia Commons oder Wiktionary – einfach die besten Entwicklungsperspektiven hat.

Damit die Betreiber von Wikis ihre Aufgabe mit weitaus weniger technischem Personal und Budget als die Wikipedia wahrnehmen können, brauchen sie MediaWikis, die sie mit Softwarepaketen kostengünstig und für ihre Zwecke erweitern können.

BlueSpice publiziert deshalb seine Free-Version nicht nur zu Marketing-Zwecken, sondern auch, um diesen Projekten Software an die Hand zu geben, die ihnen ihr Leben leichter macht.

2. MediaWiki wird ein Framework und BlueSpice ist ein Schritt dahin

Immer wieder starten Projekte, die MediaWiki als Basissoftware verwenden, und auf das MediaWiki einen anderen „Aufsatz“ bauen. Man kann mit MediaWiki eine Onlineenzyklopädie betreiben. Möchte man das aber nicht, benötigt man eine andere Oberfläche, kann aber die Grundstruktur weiter nutzen. Das heißt, die Basis MediaWiki bleibt gleich und liefert die Authentifizierung, das Rechtesystem und die Kategorisierung. Oben drauf kommt dann zum Beispiel BlueSpice, um aus dem System ein Firmenwiki zu machen.

Ein paar weitere Beispiele:

  • Translatewiki erweitert MediaWiki derart, dass man über das Wiki ein kollaboratives Übersetzungsmanagement organisieren kann.
  • Es gibt in Deutschland eine Initiative, die auf der Basis von MediaWiki die Grundversorgung mit Medien gewährleisten will. Das MediaWiki braucht also irgendwann einen Aufsatz, der Filme bereitstellen und verwalten kann.
  • Wir von Hallo Welt! machen mit den Projekten LinkTank, ein kollaboratives Linkverzeichnis, und dem Musikwiki, ein Ort für die Sammlung von Noten, vergleichbares. Einmal muss man Musiknoten editieren, ein andermal Links themenzentriert sammeln können.
  • Und auch Wikimedia Commons müsste an sich nur die Oberfläche weiterentwickeln, um eine richtig attraktive Plattform für eine freie Bildbibliothek jenseits der Wikipedia zu werden.

MediaWiki hat hier im Kreis der Open-Source-Anwendungen eine absolute Sonderrolle. Die Software ist als Framework für „freie Wissenssammlungen“ völlig konkurrenzlos. WordPress wäre noch vergleichbar als Grundlage für Kommunikations- und Social-Network-Lösungen.

Wir sehen daher BlueSpice als einen von vielen Entwicklungsschritten, um MediaWiki zu einem allgemeinen Framework für freies Wissen zu entwickeln. Dabei werden neue Möglichkeiten ausgelotet und Erfahrungen gesammelt, die für andere Projekte wieder nützlich sein werden.

3. MediaWiki benötigt ein Ecosystem und BlueSpice ist ein Beitrag dazu

Die erfolgreichsten und innovativsten Open-Source-Softwareprojekte haben ein lebendiges Ecosystem entwickelt, das sich aus „Non-profit“- und „For-profit“-Akteuren zusammensetzt. Sie alle treiben die Entwicklung auf unterschiedlichste Weise weiter. Es entsteht ein größerer Entwicklerkreis. Die Software kann sich gegenüber proprietären Systemen behaupten oder diese sogar zurückdrängen.

MediaWiki hat gegenüber anderen Softwareprojekten ein sehr unterentwickeltes Ecosystem. Dabei kommen die Entwicklungen im kommerziellen Bereich dem gesamten Projekt wieder zu Gute. Viele Projekte benötigen zum Beispiel eine Benutzerverwaltung im Backend. Das ist für die Wikipedia nicht in der Form nötig und machbar. Alle anderen brauchen aber genau diese Erweiterung. Jetzt wurde diese zuerst für Unternehmen entwickelt und steht nun als freie Software zur Verfügung. Ich könnte viele weitere Beispiele aus der BlueSpice-Entwicklung ergänzen.

Wir brauchen also bessere Rahmenbedingungen und mehr Energie für ein MediaWiki-Ecosystem. Es ist zwar richtig, dass die Wikimedia Foundation seit kurzem wieder mehr Geld und Energie in die Softwareentwicklung steckt. Doch das alleine reicht nicht. Schon für Schwesterprojekte wie Wikimedia Commons sind oft die nötigen Kapazitäten nicht da. Aus diesem Grund rücken auch bei der Foundation zunehmend die sogenannten Third-Party-Entwickler in den Fokus und man will die Entwicklung eines MediaWiki-Ecosystems unterstützen.

Das ist der Schritt in die richtige Richtung. Die neuen Initiativen der Wikimedia Foundation, MediaWiki stärker weiter zu entwickeln und eine neue ökonomische Umgebung zu schaffen, bringen neuen Schwung in das Gesamtprojekt. Für die freien Wissensprojekte werden sich hier neue Perspektiven eröffnen.

BlueSpice ist in diesem Getriebe nur ein einzelnes Rädchen. Aber es kann und will die Grundlage für völlig neuartige Projekte sein.

Aber das entscheiden am Ende die Nutzer und die Community.

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