Musikwiki – Drei Gedanken zur Rolle und Strategie des Projekts

Auf dem Symposion „Freie Noten im Internet“ hatte ich die Aufgabe, kurz das Projekt „Musikwiki“ vorzustellen. Hier sind noch einmal meine Folien.

Auf dem Symposion gewannen die Teilnehmer einen ersten Eindruck vom Prototypen. So dass man ein Musikwiki schon einmal in Aktion sehen konnte. Und im Anschluss ging es um die Darstellung zentraler Ansätze und Annahmen des Musikwiki-Projekts. Und hier sind mir drei Punkte sehr wichtig.

1. Das Musikwiki soll bestehende Plattformen nicht ersetzen, sondern ergänzen

Wer sich heute im Netz umsieht, findet unglaublich viele Tools und Plattformen zum Thema Musik. Es gibt Apps zum Üben. Und es gibt natürlich auch schon Wikis, die freies Notenmaterial bereitstellen (zum Beispiel IMSLP, CPDL). Wir haben – so scheint es zumindest – alles. Aber diese Projekte sind weitgehend unverbunden, sehr fokussiert und verlieren so an Dynamik und Power. Von daher glauben wir, dass ein Musikwiki einen Beitrag dazu leisten kann, Schnittstellen zwischen den Projekten herzustellen, freie Standards zu fördern und ein vielfältiges Ecosystem zu entwickeln.

Wenn man sich auf diesen Weg macht, darf man daher nicht die Frage stellen, wie man gegen die anderen Plattformen „gewinnt“, sondern „Wie kann ein Musikwiki bestehende Projekte am besten unterstützen?“

2. Das Musikwiki muss Angebote für geschützte Werke entwickeln

Wir möchten Noten und überhaupt Musikstücke möglichst frei zur Verfügung stellen. Möglichst alle. Und hier hilft es nicht, die Trennung zwischen der reinen nicht-kommerziellen Welt und der kommerziellen Welt aufrecht zu erhalten. Es ist an der Zeit, im Bereich der Musik, aber auch in anderen Bereichen der Kunst, über neue Modelle nachzudenken. Es geht ums Brücken schlagen. Denn am Ende muss es für einen Rechteinhaber attraktiver sein, Werke freizugeben, als sie unter eine Lizenz zu stellen, die eine möglichst freie Nutzung erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Die neuen Modelle sollten idealerweise Künstlerinnen und Künstler unterstützen kontinuierlich und professionell arbeiten zu können.

Nun wird auch das Musikwiki erst einmal klein beginnen. Wir werden gemeinfreie Noten aufnehmen. Proprietäre Werke können wir in der ersten Stufe nur registrieren und „findbar“ machen. Aber es ist absolut sinnvoll, hier endlich die Erfahrungen der Open-Source-Welt in die Welt der Musik zu übertragen, um geschützte Werke Schritt für Schritt zu öffnen. Kann das gelingen? Die Open-Source-Welt zeigt, dass es gehen kann. Aber dazu braucht das Musikwiki einen kommerziellen Arm. Sonst können diese Modelle nicht übertragen und angewandt werden. Wir brauchen Zwischenformen!

Derartige Ideen ernten heute sicher von vielen Seiten Kritik und Skepsis. Der buchreport meint, die Verlage würden uns sicher nicht mit offenen Armen empfangen: „Sie beklagen seit Jahren Umsatzverluste“. Nicht nur das. Vielmehr bringt uns das heutige Lizenzsystem in eine Lage, dass die Aufführung und Nutzung von Werken so kompliziert oder risikoreich sind, dass selbst engagierte Musiker davon Abstand nehmen. Damit nimmt man aber den Komponisten schleichend eine wesentliche  Einnahmequelle.

Wir benötigen neben den nicht-kommerziellen Plattformen Betreiber für freie Inhalte, die offen für Gespräche und Kooperationen sind. Noch einmal: Das Ziel ist am Ende möglichst viele Werke zumindest als Noten frei zu bekommen.

Ein solches Unterfangen ist natürlich immer ein Risiko. Auch weil es ein fertiges Geschäftsmodell noch nicht geben kann. Wir werden in den letzten Tagen oft gefragt: Wie macht ihr euer Geld? Ich kann nur sagen, so funktioniert das nicht. Wer liefert und braucht welche Inhalte? Wer hat Tools, liefert Dienstleistungen und möchte kooperieren? Man muss vom Konkreten ausgehen und alles andere wird sich über die Zeit entwickeln.

3. Zwischen Community und Betreiber muss es klare Trennungen und Verhältnisse geben

Nach dem Symposion hatte ich noch verschiedene Diskussionen, die noch einmal klar machten, dass auch in der freien Medienwelt gilt, was man längst von erfolgreichen Open-Source-Projekten weiß: Wenn der Betreiber eines Projekts ein privates Unternehmen ist, müssen diejenigen, die kostenlose Inhalte schreiben und pflegen weitgehend unabhängig von den kommerziellen Betreibern handeln können. Sie müssen sich organisieren und ihre Interessen wahren können.

Man kennt das auch aus der klassischen Zeitungswelt, dass man auf Dauer nur erfolgreich und glaubwürdig sein kann, wenn zwischen Redaktion und Verlag eine klare Trennung herrscht. Aber auch große IT-Projekte wie SUSE oder Red Hat mit open SUSE und Fedora sehr eigenständige Community-Projekte etabliert. Sie liefern die Beispiele für Projekte, in denen Freiwillige wesentlich die Inhalte und die Strategie mitgestalten. Es geht um faire Deals, klare Grenzen, Übertragung von Verantwortung und Kompetenzen. Auch das hat uns zu beschäftigen, wenn aus dem Musikwiki etwas werden soll.

Auf einer Metaebene betrachtet, wird es in den kommenden zehn Jahren in allen Bereichen der Kunst und der Medien darum gehen, für das Web Modelle zu entwickeln, die sich an die Verfahren der Open-Source-Welt anlehnen. Das Musikwiki kann und sollte dazu einen Beitrag leisten. Das wäre zumindest meine Vision.

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