MediaWiki – Eine Software auf dem Sprung in die Zukunft. Teil 3/3: Kommunikation, Wikidata, Übersetzungen

Kommunikation und Benachrichtigung – das Ende der klassischen Diskussionsseiten

Gute Nachrichten kommen von einer anderen Baustelle: dem MediaWiki-Kommunikationssystem. Dieses beruht bislang auf den Diskussionsseiten. Doch diese werden, so wie wir sie heute kennen, schon bald verschwunden sein. Genauer: Die Diskussionsseiten werden sich grundlegend verändern und mit dem Benachrichtigungssystem verschmelzen.

Der Umbau des MediaWiki-Kommunikationssystems geschieht nämlich über zwei Erweiterungen:

  •  Echo ermöglicht die individuelle Verfolgung von Änderungen, erleichtert den Überblick über das gesamte System und ist ein Rahmen für verschiedene Kommunikationsservices. Echo ist als neues Benachrichtigungssystem bereits in der Wikipedia implementiert.
  • Flow erleichtert die Diskussionen. Man kann einfacher Diskussionsverläufe verfolgen; Antworten werden über Echo angezeigt. Und anderes mehr. Ziel dieser Entwicklung ist der Aufbau eines modernen Diskussions- und Kollaborationssystems für alle Wikimedia Projekte. Ein interaktiver Prototyp ist bereits online.
Screenshot der Flow-Prototyp-Seite
Screenshot der Flow-Prototyp-Seite

Am Ende wird MediaWiki über einen neuen Kommunikationslayer verfügen, der längst überfällig war. Wichtig ist noch der Hinweis, dass die Kombination von Artikel und Diskussion – ein Wesensmerkmal und Erfolgsprinzip von MediaWiki – erhalten bleibt. Die Artikel werden nicht von den dazugehörigen Diskussionen getrennt. Denn die Verbindung von Artikel und Diskussion ist ein Ordnungsprinzip, das MediaWiki einzigartig und gegenüber vielen anderen Lösungen überlegen macht. Flow und Echo können dieses MediaWiki-Grundprinzip erst richtig zur Entfaltung bringen.
Dennoch sind viele in der Wikimedia-Community skeptisch. Für sie ist das bisherige System durchaus ausreichend. Und dahinter steckt eine an sich interessante Debatte. So schreibt Erik Möller:

„Wollen wir, dass Diskussionen in einem Dokumentenmodus abgelegt werden, oder möchten wir einen strukturierten Kommentar-Modus?“

Es ist ein Unterschied, ob Diskussionen auf einer Seite gespeichert werden, oder in einer Datenbank mitanderen Möglichkeiten der Sortierung und Filterung.

Obwohl die Speicherung auf einer Seite einen gewissen Charme hat – gerade was die Archivierung angeht, so ist es dennoch unwahrscheinlich, dass dieses Prinzip noch lange erhalten bleiben kann. Die Vorteile, verschiedenen Diskussionen an zentraler Stelle zu folgen, dürften schnell überwiegen und überzeugen.

Kollaborative Datensammlungen – Wikidata & Friends

Eine wegweisende Neuerung ist die Entwicklung kollaborativ gepflegter Datenbanken. Man kennt ja bereits das Projekt OpenStreetMap, das nach dem Wikiprinzip freies Kartenmaterial erstellt.

Einen ähnlichen Weg beschreitet Wikidata, eine kollaborativ gepflegte Datenbank. Für die verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia werden nicht nur Bilder und Videos benötigt, die heute zentral in Wikimedia Commons gesammelt werden. Ebenso wichtig ist es, Metadaten zentral verfügbar zu machen.
Ein Beispiel: Wenn der Bürgermeister von New York neu gewählt wird, wird der Name des neuen Bürgermeisters nur noch in WikiData ausgetauscht und automatisch in 140 Sprachversionen der Wikipedia eingebunden. Vorher musste das in jeder Sprachversion einzeln und von Hand gemacht werden.

Auszug aus der Wikidata Seite von New York City (Original: http://www.wikidata.org/wiki/Q60)
Auszug aus der Wikidata Seite von New York City (Original: http://www.wikidata.org/wiki/Q60)

Für alle Wikipedias und für alle Anwendungsfälle Daten vorzuhalten, ist ein sehr ehrgeiziges Ziel. Schließlich werden die Daten nicht nach einem einheitlichen Datenschema erfasst. Die Datensamples unterscheiden sich je nach Thema stark voneinander und können nicht zentral vorgegeben werden. Das können letztlich nur die Autoren bewerkstelligen. Die Autoren können daher die Datenfelder und –zusammenstellungen frei bestimmen. Sie können neue Datenfelder ergänzen oder löschen. Das heißt aber auch, die Autoren müssen sich auf einheitliche Benennungen und eine konsistente Datenhaltung einigen. Weiter müssen die Quellen der Daten nachgewiesen werden, sodass man weiß, wo eine Zahl, ein Name oder ein Wert recherchiert wurde.

Der Aufwand lohnt sich aber: Ein nächster Schritt wird sein, dass sich die Daten besser visualisieren lassen, um beispielsweise personelle Zusammenhänge in Politik und Geschichte besser vermitteln zu können. Dies wird mit Wikidata deutlich einfacher. Hier als Beispiel die Visualisierung des Deutsch-Französischen Krieges.

Visualisierung des Deutsch-Französischen Krieges über Wikidata
Visualisierung des Deutsch-Französischen Krieges über Wikidata

Damit entsteht, ähnlich wie bei dem Projekt Wikimedia Commons, ein öffentlich zugänglicher und für andere Websites verfügbarer Stamm an Daten, der unter einer freien Lizenz liegt, und somit Teil des Gedächtnisses der Web Öffentlichkeit werden kann.

Die Entwicklung ist also eine Pionierarbeit für das freie Web. Zunächst werden die Daten für die Wikimedia-Projekte gesammelt, allerdings dürften innerhalb kurzer Zeit auch andere Projekte über den Einsatz der Wikidata-Software nachdenken. Wenn zum Beispiel Daten für ein bestimmtes Fachthema gesammelt werden sollen, das für Wikipedia zu tiefgehend ist. Oder wenn es notwendig wird, die Kontrolle über die Datenbestände zu behalten. Man denke an Lobbypedia oder in verschärfter Weise Wikileaks. Hier werden geschützte Wikidata-Infrastrukturen nötig sein, die von einem vertrauenswürdigen Personenkreis gepflegt werden.

Das Ende der Kategorie-Seiten und von SemanticMediaWiki?

Mit dem Aufbau dieser Datenbank-Infrastruktur, wird ein anderes MediaWiki-Feature bald der Vergangenheit angehören. Die Rede ist von den Kategorienseiten. Bislang werden die Kategorieangaben (Verschlagwortung) im Wikiquelltext eingefügt. Dieses Konzept hat, wie die Diskussionsseite, seinen Charme, ist jedoch auf Dauer für die Verwaltung der Daten sehr umständlich. Und daher wird aller Voraussicht nach WikiData das Kategoriesystem über kurz oder lang ersetzen. Die Kategorie-Seiten werden allerdings auch oft als praktische Portale genutzt. Diese Funktion müsste erhalten bleiben. Aber das sind Themen der nächsten Jahre und die Diskussionen dazu haben gerade erst angefangen.
Das gilt auch für die Zukunft von SemanticMediaWiki. Einige sehen mit Wikidata bereits die Nachfolgetechnologie am Horizont. Dazu müsste sich Wikidata, was die Implementierung und Anpassbarkeit angeht, aber noch wesentlich weiter entwickeln. Und da Semantic keinerlei Zusatztechnologien benötigt und von einer sehr lebendigen Community vorangetrieben wird, ist an sich kein Ende abzusehen. Es ist sogar eher anzunehmen, dass die Semantic-Community viele Entwicklungen vorausnimmt, die erst später in Wikidata übernommen werden.

Automatische Übersetzungen

Zuletzt soll noch auf eine andere sehr vielversprechende Entwicklung aufmerksam gemacht werden: Große Fortschritte es gibt bei der automatischen Übersetzung von Inhalten zu vermelden. Hier entwickelt sich die Erweiterung Translate weiter, die schon eine Weile im Einsatz ist, um Systemtexte von Open-Source-Softwareprojekten zu übersetzen. Diese Funktion wird künftig durch eine technische Übersetzungshilfe erweitert, die bereits ganze Textpassagen als Übersetzung vorschlägt, und die deren Qualität maßgeblich verbessert, weil man auf Wikidata zurückgreifen kann. Auf der Wikimania 2014 wurde die erste Version vorgestellt, und vor kurzem wurde der Abschluss der zweiten Stufe gemeldet. Hier kommen nach und nach Sprachen hinzu und die Funktionalität erweitert sich kontinuierlich.

Schlussbetrachtung

Alle diese Entwicklungen sind fokussiert auf die Bedürfnisse von Wikipedia und vielleicht auf die Schwesterprojekte. Es ist aber notwendig, diese Entwicklungen auch für andere Anwendungsfälle und nicht Wikimedia-Projekte dauerhaft nutzbar und verfügbar zu machen. Von daher sind Dienstleister gefragt, die die dazu nötigen Services – von Entwicklung, Anpassung bis hin zu Wartung und Support – auf einem hohen Level anbieten.

Links

 

Teil 1/3: MediaWiki – Eine Software auf dem Sprung in die Zukunft. Skinning, Mobile, Dialoge.
Teil 2/3: MediaWiki – Eine Software auf dem Sprung in die Zukunft. Visueller Editor und simultanes Bearbeiten.

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